Neuenhagener "Vergnügen" vor 125 Jahren

01. 03. 2021

Neuenhagen, 17. Februar 1896

Euer Hochwohlgeboren

erlaubt sich der ganz gehorsamst unterzeichnete Gesangverein "FrohSinn" anzuzeigen daß wir am 1. März d. Jahres ein Vergnügen im Vereinslokale feiern möchten. Und bitten daher den Herrn Amtsvorsteher um das Geneigte

 

der Vorstand des Gesangvereins „Frohsinn“ gez. Friedrich Kolberg

 

Herrn
Amtsvorsteher Dotti
Hochwohlgeboren
Neuenhagen Ostbahn
 

Dieses ehrerbietig in gestochener Kurrentschrift mit Feder und Tinte abgefasste Schreiben an den Amtsvorsteher der bis 1927 als "Neuenhagen Ostbahn" bezeichneten Gemeinde ist typisch für den „Antragsstil“ der Zeit. Meist finden sich auf diesen Schriftstücken auch gleich die Verfügungen des Amtsvorstehers zur Genehmigung oder Ablehnung des Gesuches, Anweisungen für den Gendarmen usw., hier ausnahmsweise nicht.

Im Archiv-Ordner „Erlaubnis für Lustbarkeiten“ sind 27 solcher Anfragen aus dem Jahr 1896 erfasst. Für das Jahr 1929, Neuenhagen hat mittlerweile rund 3.400 Einwohner mehr, liegen dann schon unzählige Anträge vor, vielfach gestellt von Gastwirten zur Durchführung von „Vergnügen“, „Tanzlustbarkeiten“, Unterhaltungsmusik und privaten Festlichkeiten. Schausteller ersuchen um Genehmigung zur Inbetriebnahme von Karussells, Schießhallen, Schießbuden, Luftschaukeln, eines „Tischrades“ (Glücksrad), für den Verkauf von Speiseeis oder „Vorführungen dressierter Tiere und gymnastischer Vorstellungen“. Vereine wollen „Tanzkränzchen“, Konzerte, Gesangs- und Schützenfeste ausrichten, Parteien Versammlungen anmelden. Die oftmals gewünschte Verlängerung der Polizeistunde von 10 Uhr abends auf 4 Uhr nachts wird nicht immer erlaubt und der „berittene Gendarm“ oder der „Gendarm zu Fuss“ hat die Einhaltung der festgesetzten Schließzeit am Veranstaltungstag zu kontrollieren.

Der „ganz gehorsamst unterzeichnete Gesangverein“ sorgt 125 Jahre später noch immer für „Vergnügen“ in unserer Gemeinde als Männerchor „Frohsinn“ – so bald diese wieder erlaubt sind ...

 

Bild zur Meldung: Quelle: Archiv der Gemeinde Neuenhagen bei Berlin